Die jährliche Bestandsaufnahme und die Pflege des Pechnelken-Bestands in den Heidbergen übernahmen Emma Vollbrandt und Katrin Blaschke. Bei aufwändigen Arbeitseinsätzen an sieben Nachmittagen Mitte Mai bis Anfang Juni befreiten beide (mit kurzzeitiger Hilfe von Jens Gutzmann) die bei uns seltene Pechnelke von konkurrierender Vegetation in ihrem Bestandsbereich in den Heidbergen.
Wenn ich so rausgucke, diese Herbststürme und den stürmischen Regen sehe, und wenn ich dann überlege, wie ich in diesem Jahr von der Orchideenwiese berichten könnte, fällt es mir tatsächlich ein bisschen schwer, dafür die passenden Worte zu finden… Und so beginne ich zu träumen von meinem ersten Besuch im nächsten Frühjahr auf der Wiese.....
Sobald es die ersten Frühjahrsboten geben wird, eine erste vorwitzige Biene hervorsummt oder die ersten kleinen Mückentänze an etwas wärmeren, sonnenbeschienenen Gartenecken stattfinden, wenn der erste Löwenzahn in windstillem Heckenschutz seine leuchtend gelbe Blütenschönheit präsentiert oder die Schneeglöckchen aus dem frostigen Boden herausluken....
Ja, dann werde ich schon dort sein und einen ersten Gang über die hoffentlich richtig nasse Wiese machen - in Gummistiefeln! ....vielleicht gibt es ein paar Starenschwärme, vielleicht schon das wachsende Grün der Bachnelkenwurz oder des Wiesenschaumkrauts....Am liebsten würde ich dann buddeln nach den Orchideenblättern, damit sie auch endlich herauskommen und sich wieder zeigen. Aber nein, natürlich warte ich ab und werde der Natur ihren Lauf lassen....
In diesem Jahr war es so trocken --- sooo trocken ---- kein Wasser in den leicht gesenkten Gräben zwischen den Fennen. Wo nahmen die Sumpfdotterblumen nur ihre Kraft her, wo die Knabenkräuter und der Wiesenknöterich das Wasser??!
Irgendwie schafften sie es alle - in geringerer Anzahl gegenüber den Vorjahren, aber dennoch prächtig!
Ich zählte 8890 Knabenkräuter. Es waren ca. 1100 weniger als 2024 - solche Schwankungen kann es immer wieder mal geben.
Etwas Besonderes waren auch in diesem Jahr wieder zwei weiße Knabenkräuter unter den sonst rotvioletten bis rosafarbenen Blütenköpfen.
Insgesamt war es ein wundervoller Frühlingstag, in der Maienmitte 2025.
Die Wiesenweihe gaukelte über den Nachbarwiesen, der Rotmilan zog seine Kreise, später auch ein Kranichpaar, ganz nah, im Tiefflug an mir vorbei.
Neuntöter, Dorngrasmücke, Bluthänflinge, ein Turmfalke, Bussard und Hase konnte ich bewusst nebenbei beobachten - und etliche andere Pflanzen natürlich:
Hahnenfuß, Wiesenschaumkraut, Gänseblümchen, das Kraut von Wiesenraute und Schafgarbe, Mädesüß, Gilbweiderich, Günsel, Hohlzahn, Schachtelhalm und sicher noch einige andere - die Binsen und Gräser natürlich - die habe ich hier jetzt nicht einzeln bedacht.
In der ganzen vollständigen Fülle war es wieder eine einzige Pracht!
Jaaaa..... so wie der kleine Mäuserich Frederick (im Kinderbilderbuch von Leo Lionni), sammle ich lauter schöne Erlebnisse aus der hellen Jahreszeit, für die langen, dunklen Winterabende…. Es tut dann gut, von ihnen erzählen zu können und in der Hoffnung zu leben, dass auch nächster Frühling wieder das hellere Sonnenlicht mit sich bringen wird!

Bei meinen Mai-Spaziergängen am Rande der Geesthachter Heidberge war mir das spärlich zwischen Gräsern und Brombeerranken hoch aufschießende Wildkraut durch seine leuchtenden Blüten in Pink schon aufgefallen. Aber erst auf unserer Baltikum-Radreise bei der Durchquerung Estlands geriet es vollends in den Fokus meiner Aufmerksamkeit. Seine Farbpracht und Ausbreitung in erstaunlicher Dichte auf den brach liegenden Wiesenfeldern zu beiden Seiten der kaum befahrenen Straßen – neben Weiß- und Gelbblühendem – begleitete und begeisterte uns, besonders auf der Strecke zwischen dem Peipus-See und Tartu in Richtung Lettland (s. Foto).
Beim NABU wusste man es schon lange: Die Gewöhnliche Pechnelke (Viscaria vulgaris oder Silene viscaria) hat einen festen Standort in den Heidbergen, den es zu schützen und zu erhalten gilt. Beheimatet ist sie ursprünglich im Mittelmeerraum, hat sich inzwischen in ganz Europa bis in die Türkei, in den Kaukasus bis nach Sibirien ausgebreitet und als Neophyt sogar in den USA angesiedelt. Außer in Rheinland-Pfalz und in Sachsen wird sie allerdings in Deutschland in fast allen Bundesländern als gefährdet bis stark gefährdet (Schleswig-Holstein) eingestuft. In Berlin und Niedersachsen ist sie vom Aussterben bedroht; im Raum Hamburg gilt sie bereits als ausgestorben (Web-Flora des Bundesamtes für Naturschutz BfN).
Daraus ergibt sich für uns geradezu eine Verpflichtung - und für mich ein
Bedürfnis -, ihren einzigartigen Standort in unserer näheren Umgebung im Auge zu behalten und zu pflegen.
Als robuste, langlebige und ausdauernde Wildstaude hat sie sich an einem trockenen, sonnigen, mageren und kalkarmen Sandhang, umgeben von lichten Gebüschen, ihren idealen Standort gewählt. Um ihr eine Ausbreitung zu ermöglichen, müssen wir sie Anfang Juni – kurz vor ihrer Fruchtreife – von umgebenden Grasbüscheln, Wildkräutern, Brombeerranken und -wurzeln befreien, damit sie sich aussamen kann. Gebückt und schräg in steiler und rutschiger Hanglage stehend, gilt es dabei, die Balance zu halten; damit werden gleichzeitig Bauch-, Rücken- und Beinmuskeln gefordert und kräftig trainiert. Aber die Mühe lohnt sich: Friedhelm und ich konnten in diesem Jahr 101 Stauden zählen, soviel wie noch nie!
Der Fachdienst Umwelt unterstützt uns mit gelegentlichem Schnitt der benachbarten Gehölze, denn ausreichend Licht ist lebensnotwendig für die sonnenhungrige und wärmeliebende Pflanze. Sie erfreut nicht nur uns von Mai bis Anfang Juni mit ihrer leuchtenden Blütenpracht, sondern zieht auch langrüsselige Hummeln und Schmetterlinge, besonders Tagfalter, als Bestäuber an. Nur wenn die Kelchröhren reichlich mit Nektar gefüllt sind, gilt sie auch für Wild- und Honigbienen mit ihren eher kurzen Mundwerkzeugen als gute Bienenweide. Das Kraut wird von Raupen spezieller Nachtfalter – z.B. den Eulenfaltern (Gemeine Kapseleule und Leimkraut-Kapseleule), aber auch vom Leimkraut-Kapselspanner genutzt.
Die Gewöhnliche Pechnelke ist also keine Nelke, wie ihr Name vermuten lässt, sondern sie gehört zur Gattung der Leimkräuter (Silene), allerdings innerhalb der Familie der Nelkengewächse (Caryophyllaceae). Ihren Namen hat sie von den pechartigen, dunklen, klebrigen Ringen unterhalb der Stängelknoten, die offenbar kleine krabbelnde Insekten, wie z.B. Blattläuse, von den Blüten fernhalten. In Finnland heißt sie deshalb auch Teerblume.
Die 30 - 60 cm hohen, wenig verzweigten Stängel wachsen aus einer grundständigen, immergrünen Blattrosette. An ihnen stehen gegenständig lineal-lanzettlich geformte Laubblätter, die im unteren Teil leicht behaart und bewimpert sind. Die rosa- bis purpurfabenen Blüten an den Enden der Triebe sind in Trauben und Rispen als zweiarmige büschelige Quirle angeordnet. Sie sind fünfzählig mit doppelter Blütenhülle, zwittrig und sternförmig. Die – oft auch helleren bis weißen - Kelchblätter sind zu einer schmalen Röhre verwachsen. Darin befinden sich 5 Griffel und 2 Kreise mit je 5 Staubblättern (Beschreibung nach Dipl.-Biol. H. Stephan).
Bei Fruchtreife zwischen Juni und Juli trocknen die eiförmigen Kapselfrüchte und verstreuen über den Wind (aber auch durch Vögel, Säuger und Ameisen) ihre Samen, die dann - unbedeckt von Erde – als Lichtkeimer auskeimen können.
Die Pechnelke gilt als sog. Samariterpflanze. Ihre Samen enthalten nachweislich Brassinosteroide, die sich stärkend auf die Abwehrkräfte und das Wachstum von umgebenden Pflanzen auswirken sollen. Außerdem stellen sie reichlich Phytohormone her, die über den Wurzelbereich in den Boden gelangen. Vielleicht ein Grund, warum sich Wildkräuter, die sich in ihrem Umfeld ansiedeln, besonders kräftig entwickeln?
Im Gartenbau hilft Pechnelkenextrakt nachweislich gegen verschiedene Erkrankungen bei Pflanzen – wie Rostpilz, Mehltau an Gurken und Grauschimmel an Tomaten.
In der Medizin für den Menschen spielt die Pechnelke leider keine Rolle. Sie enthält Inhaltsstoffe, die die Schleimhäute beim Menschen reizen können.
Uns bleibt nur, sich an ihrem Anblick und ihrer Schönheit zu erfreuen, wenn wir das Glück haben, sie bei Spaziergängen im Frühsommer zu entdecken.
Bei kühlen 13°C, wechselhaftem Schauerwetter und recht starkem Wind machte ich am 28.5.22 die jährliche Bestandsaufnahme auf der Escheburger Orchideen-Wiese. Breitblättrige Knabenkräuter zählte ich 10.510 Exemplare. Erfreulicherweise war auch der Wiesenknöterich richtig stark vertreten. In voller Blüte wehten seine Blütenköpfe über der sonst rotgrünen Wiese. Auch die Wiesenraute ist in diesem Jahr stärker vertreten.
Am 20.5.2021 habe ich am Abend Bestandsaufnahmen auf der Escheburger Wiese gemacht. Bei angenehmen 16°C, prächtigem Sonnenschein, sehr leichtem Wind und Bilderbuchwolken begannen wir (Lisa Oechtering und ich) um 17 Uhr, die Orchideen zu zählen. Später nahm die Bewölkung zu, und es begann leicht zu regnen, als wir fertig waren.
Wir finden eine prächtige Mischung aus noch sehr vielen blühenden Sumpfdotterblumen (überwiegend in den Gräben, jedoch auch zunehmend auf den Fennen, den Wiesenflächen), auffallend vielen Löwenzähnen im Samenstand, Kriechendem Günsel, Gundermann, Bachnelkenwurz, Hahnenfuß, etwas Rotklee, Sauerampfer (alles in Blüte) und im Vergleich zum letzten Jahr, relativ viele (beginnende Blüte) Wiesenknöteriche sowie Mädesüß, Wiesenraute, Schachtelhalm (noch vor der Blüte). Diese Arten erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wurden nur "so ganz nebenbei" von uns registriert.
Blühende Knabenkräuter haben wir 16030 Stück gezählt. Unter ihnen einige wenige weiße Exemplare - die auch in den anderen Jahren vorhanden waren. Insgesamt sind die Blüten recht klein in diesem Jahr, was sicherlich mit dem trockenen Frühjahr zu tun hat. Noch Mitte April dachte ich, es kämen so gut wie gar keine Orchideen. Nun hatte sich der Feuchtigkeitszustand der Wiese verändert, was allen Pflanzen dort zu Gute kam.
Es ist immer wieder eine Pracht, diese Wiese zu sehen und sie im Jahresverlauf begleiten zu dürfen!